Stolpersteine in Leer

15 juni 2026
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Im Deutschen gibt es zwei Worte für ein Monument: Denkmal und Mahnmal.

  • Ein Denkmal fordert uns auf, zurückzublicken und uns zu erinnern.
  • Ein Mahnmal fordert uns auf, aus der Erinnerung Konsequenzen zu ziehen.

Stolpersteine sind beides.

  • Sie erinnern uns an Menschen, die hier in Leer lebten, arbeiteten, liebten und eine Zukunft erwarteten.
  • Und sie mahnen uns, wie schnell eine Gesellschaft aufhören kann, Menschen als Menschen zu sehen.

Für mich ist dies keine abstrakte Geschichte. Um 1780 ließ sich Baruch Baruchs, vermutlich aus Arnstadt in Thüringen, im niederländischen Bellingwolde nieder, nur wenige Kilometer von hier entfernt. Für die Menschen jener Zeit war diese Grenze weit weniger bedeutend als für uns heute. Familien, Handel und Gemeindeleben verbanden die jüdischen Gemeinden beiderseits der Grenze.

Von seinen zahlreichen Nachkommen wurde der überwiegende Teil während der Schoa ermordet. Dass ich heute hier stehe, als Nachkomme eines der wenigen überlebenden Familienzweige, ist ein statistisches Wunder.

Heute verlegen wir Stolpersteine für Moritz Baruch, seine Frau Sarah Baruch, geborene Petschon, und ihren Sohn Heinz.

Moritz war ein Cousin ersten Grades meines Urgroßvaters Abraham Baruch.

Abraham und seine Frau Berta, geborene Jacobsohn, wurden in Sobibor ermordet.

Moritz, Sarah und Heinz versuchten zu entkommen. Wie viele deutsche Juden flohen sie in die Niederlande. Als ihnen jede Hoffnung genommen wurde, sahen sie keinen Ausweg mehr und nahmen sich das Leben. Heinz wurde nur 21 Jahre alt.

Vergessen ist nicht die größte Gefahr: die größte Gefahr besteht darin, dass Menschen zu Symbolen werden.

  • Zu Zahlen.
  • Zu Kategorien.
  • Zu einem Kapitel in einem Geschichtsbuch.

Darum erinnern wir uns nicht an Opfer. Wir erinnern uns an Menschen.

  • Menschen, die ein Zuhause hatten.
  • Menschen, die einen Lieblingssessel hatten.
  • Menschen, die sich verliebten.
  • Menschen, die stritt
  • Menschen, die Pläne für den nächsten Tag hatten
  • Menschen, die sich niemals hätten vorstellen können, dass ihre Namen eines Tages hier in Messing eingraviert würden.

Das Ziel ihrer Mörder war nicht nur, Menschen zu töten. Das Ziel war Familien auszulöschen, die jüdische Zukunft unmöglich zu machen, eine jahrhundertealte Geschichte abzubrechen und auszulöschen.

Doch darin sind sie gescheitert.

  • Jede Generation, die danach geboren wurde, ist der Beweis dafür.
  • Jede Geburt.
  • Jede Ehe
  • Jedes Kind.
  • Jedes Enkelkind.Jedes Urenkelkind.

Unsere Tochter Rebecca, sichrona livracha – ihr Andenken sei zum Segen –, war Teil jener Zukunft, die sie vernichten wollten.

Rebecca wollte nicht nur Nachfahrin von Überlebenden sein. Sie wollte nicht nur beweisen, dass die Nationalsozialisten ihr Ziel verfehlt hatten, sonst ihren Beitrag zur Zukunft des jüdischen Volkes leisten.

Sie wollte nicht nur überleben.

Sie wollte aufbauen. Nicht nur erinnern.

Gestalten.

Nicht nur Teil der Geschichte sein. Sondern Teil ihrer Zukunft.

Sie diente als sogenannte „Lone Soldier“ und später als Offizierin in Kampfeinheiten der israelischen Armee. Als sie 21 Jahre alt war – im selben Alter wie Heinz Baruch, dessen wir heute gedenken – hatte sie sich bereits als Soldatin ausgezeichnet und befand sich auf dem Weg zur Offizierin.

Rebecca glaubte, dass man die Welt nicht verändern kann, wenn man am Rand stehen bleibt.

  • Man muss teilnehmen.
  • Verantwortung übernehmen.
  • Aufstehen, wenn es nötig ist.
 Als Rebecca nach Monaten des Reservedienstes während des Krieges nach dem 7. Oktober 2023 verstarb, fanden wir einen Brief, in dem sie schrieb, dass wir, falls ihr etwas zustoßen sollte, nicht aufhören sollten zu leben, sondern weiter atmen, singen, schaffen und leben sollten.

Denn letztlich ist das die Antwort auf jeden Versuch der Vernichtung.

  • Nicht nur erinnern: Leben.
  • Nicht nur trauern: Aufbauen.
  • Nicht nur zurückblicken: Vorangehen.
  • Nicht nur überleben: Eine Zukunft schaffen.

Beim Propheten Jesaja (Jesaja 56,5) findet sich ein bemerkenswertes Versprechen. Zu Menschen, die fürchten, dass ihr Name verschwinden wird, sagt der Eibishter:

וְנָתַתִּי לָהֶם בְּבֵיתִי וּבְחוֹמֹתַי יָד וָשֵׁם

„Ich will ihnen in meinem Haus und innerhalb meiner Mauern ein Denkmal und einen Namen geben.“

Zwei Worte: Yad Vashem. Ein Denkmal und einen Namen.

Nicht zufällig trägt die Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem diesen Namen – nur wenige Minuten vom Herzlberg entfernt, wo unsere Tochter Rebecca begraben liegt.

Denn ein Monument allein genügt nicht. Steine allein genügen nicht.

Es geht um den Namen. Um den Menschen hinter dem Namen. Und um die Geschichte hinter dem Menschen.

Deshalb erzählen diese Stolpersteine nicht nur von dem, was verloren ging.

Sie erzählen auch von dem, was geblieben ist: von Namen, die zurückkehren, von Familien, die weiterleben. Von einer Zukunft, die man unmöglich machen wollte und die dennoch Wirklichkeit wurde.

Heute verlegen wir Steine in das Pflaster. Doch in Wirklichkeit bringen wir Menschen nach Hause zurück.

Rabbi Joseph Soloveitchik lehrte, dass der Mensch nicht nur Zeuge der Geschichte sein soll, sondern ihr Mitgestalter. Das tiefste Antwort auf die Schoa ist: nicht nur erinnern. Sondern Zukunft schaffen.

Wir bringen Namen zurück in die Straße, in der sie einst lebten.

Und wir sagen:

  • Wir sind noch da.
  • Wir kennen eure Namen.
  • Wir erzählen eure Geschichten.

Und wir werden das auch weiterhin tun.

יהי זכרם ברוך

Möge ihr Andenken zum Segen sein.

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